Leben

Josquins Biographie ist deutlich komplexer als das Josquin-Puzzle mit 144 Teilen, aber ähnlich lückenhaft. Die Anzahl der verläßlichen Daten und Dokumente ist relativ gering. In einer Biographie über Josquin Desprez finden sich Worte wie “wahrscheinlich” und “möglich” häufig.

Um in der Sprache des Puzzles zu bleiben: es fehlen viele Teile (Quellen) unwiederbringlich und wir müssen uns auf Indizien stützen, um ein chronologisches Bild seines Lebens zu erhalten. Aufgrund seines Ruhms kommen eine Reihe von posthum überlieferten Anekdoten hinzu, deren Wahrheitsgehalt fraglich ist. Verwechslungen mit Komponisten und Sängern ähnlichen Namens waren verbreitet.

Da eine einheitliche Schreibweise fehlt und auch Latinisierungen seines Namens voneinander abweichen, sind Verwechslungen unvermeidlich. Eric Jas und Willem Elders, die Herausgeber des Bandes “Quellen” (NJE, Band 1, S. xiii) haben die verschiedenen Schreibweisen seines Namens in den Quellen aufgelistet:

Jo., Jod., Jodocum, J.p., Jos., Jus, Jus’, Josquin, Josqvin, Josequin, Jossquin, Joss Quin, Josquyn, Josq.,Josqn,Josq’n,Josqu.,Joschin,Josfim,Joskin,Josqin,Josquini,Josquino,Josquinus,,Jo. de Pres, Jo. des Pres, Jo. des Prez, Josquin de Pres, Josquini de Pres, Josquin de Press, Josquin de Prees, Josquin de Preess, Josq. de Prees, Josquin dez Pres, Josquin des Prets, Josquin des Prez, Jossequin des Prez, Josquin des Pretz, Josquin du Prees, Josquin du Press, Josquin D., Jos. Depres, Josquin Depres, Josquin Deprecz, Josquin Depraes, Josquin Despres, Jusquin, Jusquini, Jusquin de Pres, Jusquin Depres, Jusquin Despret, Josquin ä Prato, Josquinus Pratensis, Jo. de Pratis, Jodoci Pratensis, Jodoco Pratensi, Jodocum Pratensem, Jodocus a Prato, Jodocus de Pratis, Judocus de Pratis, Jodocus de Prato, Jodocus Pratensis, Josquin Dascanio, Joskin Dascanio, Jusquin Dascanio. 

In zeitgenössischen Quellen finden sich relativ wenige Werke. Fehlzuschreibungen sind an der Tagesordnung. Mit seinem Tod stieg die Überlieferung seiner Werke signifikant, d. h. ein Großteil seiner Werke ist nur in Quellen überliefert, die nach seinem Tod entstanden sind.

Erst Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts konnte gezeigt werden, dass Josquin um 1450 geboren wurde (und nicht schon 1440, wie seit Mitte der 1950er Jahre angenommen worden war). Es gelang auch, Josquin Desprez von drei anderen Personen ähnlichen Namens zu differenzieren, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Josquin Desprez verwechselt wurden und eine gemeinsame Biographie bildeten:

  1. Juschinus de Kessalia, der seit 1459 als erwachsener Sänger am Mailänder Dom tätig war. Durch die Verwechslung mit Josquin Desprez wurde angenommen, dass Josquin bereits 1440 geboren wurde, da er nur bei diesem frühen Geburtsjahr volljährig gewesen wäre.
  2. Johannes Stokem, Mitglied in der päpstlichen Kapelle zwischen 1486 und 1487 und dort als “Joh. de Pratis” geführt. Durch die Verwechslung mit Johannes Stokem wurde viele Jahre angenommen, dass Josquin Desprez bereits seit 1486 in Rom Tätig war (und nicht erst seit 1489)
  3. Josquin Steelant, in den 1490er Jahren Sänger in der Kapelle von René II., Herzog von Lothringen. Von Mai 1504 bis zu seinem Tod 1520 war er Mitglied in der burgundischen Hofkapelle.

Man darf heute davon ausgehen, dass Josquin in der Nähe von Saint-Quentin in Frankreich geboren wurde und es ist sicher, dass er am 27. August 1521 in Condé-sur-L’Escaut starb. Josquin ist der Diminutiv von Josse (lat. Judocus) und der Name eines bretonischen Heiligen. Josquins Nachname lautete Lebloitte, Desprez war wohl ein Beiname, den auch Vater und Großvater benutzten. Sie (oder ihre Vorfahren) könnten aus Prez, einem Ort in der Nähe stammen, was den Beinamen erklären würde.

Obwohl der vermutete Geburts- vom definitiven Sterbeort in unter fünf Stunden mit der Pferdekutsche erreicht werden konnte und dies ein ruhiges Leben suggeriert, reiste Josquin in der Zwischenzeit tausende Kilometer, diente König(en), Fürsten und dem Papst, kratzte seinen Namen in die Holzbänke der Sixtinischen Kapelle, wurde vom Reformator Luther wegen seiner Musik gelobt und überlebte eine Pestepidemie. Am wichtigsten aber ist, dass er (oder jemand anderes) einige der schönsten Werke der Musikgeschichte komponierte. 

In der folgenden Tabelle ist der heutige Forschungsstand (im wesentlichen Fallows 2009) zu den wichtigsten Lebensstationen zusammengefaßt:

JahrTätigkeit
ca. 1450Geburt in der Nähe von Saint-Quentin
seit ca 1460Möglicherweise Ausbildung in Saint Géry in Cambrai
1475-ca. 1480Mitglied der Kapelle von König René von Anjou in Aix-en-Provence
1480-1483Mitglied der Hofkapelle König Ludwigs XI in Paris / Condé
1484-1489Mitglied des Haushalts von Kardinal Ascanio Sforza in Mailand und
möglicherweise Tätigkeit für den König von Ungarn (während seines Aufenthalts in Wien)
1489-ca. 1494Mitglied der päpstlichen Kapelle in Rom
1494-1503Tätigkeit in Frankreich
möglicherweise in Diensten von Kardinal Ascanio Sofia in Rom
1503-1504Mitglied der Kapelle von Herzog Ercole d’Este in Ferrara
1504-1521Probst an der Stiftskirche von Condé-sur-Escaut
27.8.1521Tod in Condé-sur-Escaut

Die Anstellung in der Hofkapelle König Ludwigs XI in Paris und Condé sowie vor allem die Tätigkeit für den König von Ungarn ist aufgrund der Quellenlage weiter umstritten. Auch der Verbleib in den Jahren 1494 bis 1503 ist ungewiß. Es gibt Belege für Aufenthalte in Frankreich in dieser Zeit, es ist aber nicht klar, ob es sich um längere Besuche handelte oder um Anstellungen dort oder in Italien.

Während in der Vergangenheit angenommen wurde, daß die italienischen Aufenthalte deutlich länger dauerten, geht man heute davon aus, dass Josquin den überwiegenden Teil seines Lebens in Frankreich verbracht hat.

Den besten Überblick über sämtliche Quellen, die Indizien, die für die Tätigkeiten in der Hofkapelle König Ludwigs XI. und in der Kapelle des Königs von Ungarn sprechen, sowie Hinweise, welche Werke sich welchen Lebensstationen zuordnen lassen, findet sich bei Fallows 2009. Seit Erscheinen des Buches hat es keinen nennenswerten Quellenfund gegeben, der die Faktenlage verändert hat, allerdings viele abweichenden Interpretationen, die sich zum Teil in den Rezensionen des Buches finden.