Literaturüberblick

Jacobi de Ancharano (alias de Teramo): Litigatio Christi cum Belial, verdeutscht
Quelle: Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 48, fol. 1v (A006)

Hinweis

Die Literatur über Josquin Desprez ist sehr umfangreich. Eine vollständige aktuelle Bibliographie existiert allerdings aktuell nicht. Das letzte Literaturverzeichnis stammt von Sydney Robinson Charles und wurde in seinem Buch Josquin des Prez: A Guide to Research (Garland Composer Resource Manuals, 1983) veröffentlicht.

Eine vollständige Bibliographie ist an dieser Stelle zunächst auch nicht geplant. Es soll im folgenden darum gehen, auf einige wichtige Titel hinzuweisen. Die im Abschnitt “Grundlagen” genannten Werke enthalten jedoch umfangreiche Literaturlisten, die ein guter Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Josquin sind. Nahezu sämtliche moderne Literatur zum Thema findet sich über die bibliographische (kostenpflichtige) Datenbank RILM (Répertoire International de Littérature Musicale).

Grundsätzlich lässt sich die Sekundärliteratur zu Josquin Desprez in die Jahre vor 1998 und nach 1998 trennen: 1998 veröffentlichten Lora Matthews und Paul Merkley ihren Artikel “Iudochus de Picardie und Josquin Lebloitte dit Desprez: The Name of the Singer(s)”. Matthews/Merkley gelang es, mehrere Personen mit dem Namen Josquin, die alle für Josquin Desprez gehalten wurden, zu identifizieren und somit das angenommene Geburtsjahr von Josquin Desprez von rund 1440 (Konsens in der Forschung bis 1998) um zehn Jahre auf 1450 zu verschieben.

Grundlagen

Ausgangspunkt für jede Beschäftigung mit Josquin Desprez ist die hervorragende Monographie Josquin von David Fallows (Brepols 2009, zweite Auflage 2020), einem der besten Kenner des 15. und 16. Jahrhunderts. Die Monographie ist nicht nur überaus fundiert, sondern auch unterhaltsam – insbesondere in den Fußnoten.

Einen sehr guten Überblick über die unterschiedlichen Gattungen, eine Diskussion des aktuellen Forschungsstandes, der Herausforderungen sowie eine Beleuchtung ganz unterschiedlicher Aspekte bietet das von Richard Sherr 1998 herausgegebene The Josquin Companion (Oxford 1998). Auf knapp 700 Seiten beschäftigen sich die führenden Josquin-Forscher mit seinen Werken und seiner Biographie. Daneben gibt es Übersichten zu den Werken, wichtigen Quellen, eine umfangreiche kommentierte Diskographie, eine Bibliographie und eine Diskussion über Echtheitsfragen.

Gute Übersichten über Leben, Werke und Rezeption von Josquin bieten die beiden Artikel in den musikalischen Standardenzyplopädien “Die Musik in Geschichte und Gegenwart” (Josquin-Artikel von Ludwig Finscher) und “The New Grove Dictionary of Music and Musicians” (Josquin-Artikel von Patrick Macey, Jeremy Noble, Jeffrey Dean und Gustave Reese ) sowie die Einführung Josquin des Prez and His Musical Legacy: An Introductory Guide von Willem Elders (Leuven 2015). Hier finden sich auch Kurzkommentare zu den einzelnen Werken.

In vielen Aspekten von heutigen Forschungsergebnissen überholt, aber dennoch sehr lesenswert ist die von Edward Lowinsky zum Jubiläumsjahr 1971 herausgegebene Anthologie Josquin des Prez: Proceedings of the International Josquin Festival-Conference Held at the Juilliard School at Lincoln Center in New York City, 21-25 June 1971 (Oxford 1976) und Helmuth Osthoff’s zweibändige Monographie Josquin Desprez (Tutzing 1962-65) – immer noch eine Pionierarbeit der Josquin-Forschung.

Musikgeschichte des 15. und 16. Jahrhunderts

Im deutschsprachigen Raum ist Ludwig Finschers Die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts in der Reihe Neues Handbuch der Musikwissenschaft immer noch die beste Einführung in die Musik des Spätmittelalters und der Renaissance (Laaber 1989/1990). Die Kapitel zu Musikleben (I), Theorie und Praxis (II), Messe (III), Motette (IV), zu liturgischer Gebrauchsmusik (V) sowie zu volkssprachigen Gattungen und zur Instrumentalmusik (VI) bieten einen hervorragenden und sehr fundierten Überblick.

In England ist vor kurzem das von Anna Maria Busse Berger und Jesse Rodin herausgegebene Sammelband Cambridge History of Fifteenth-Century Music erschienen, das ebenfalls auf vielfältige Art und Weise das Musikleben der Renaissance beleuchtet.

Als englischsprachige Einführung zur Renaissancemusik kann ich Renaissance Polyphony von Fabrice Fitch (Cambridge 2020) empfehlen.

Fachartikel

Neben David Fallows haben Joshua Rifkin, Jesse Rodin und Rob C. Wegman in den letzten Jahrzehnten mit provokativen Thesen wichtige Impulse für die Forschung gegeben. Eine Auswahl einflussreicher Artikel lautet:

  • Wegman, Rob C.: “From Maker to Composer: Improvisation and Musical Authorship in the Low Countries, 1450-1500,” Journal of the American Musicological Society 49/3 (1996), 409-79
  • Wegman, Rob C.: “And Josquin Laughed…”: Josquin and the Composer’s Anecdote in the Sixteenth Century,” Journal of Musicology 17/3 (1999), 319-57
  • Wegman, Rob C.: “Who Was Josquin?”, in The Josquin Companion, ed. Richard Sherr (Oxford 2000), 21-50
  • Wegman, Rob C.: “The Other Josquin,” Tijdschrift van de Koninklijke Vereniging voor Nederlandse Muziekgeschiedenis 58/1 (2008), 33-68.
  • Rifkin, Joshua: “Munich, Milan, and a Marian Motet: Dating Josquin’s Ave Maria … virgo serena,” Journal of the American Musicological Society 56/2 (2003), 239-350
  • Rifkin, Joshua: “A Black Hole? Problems in the Motet around 1500,” in The Motet around 1500: On the Relationship between Imitation and Text Treatment, ed. Thomas Schmidt-Beste (Brepols, 2012), 21-82
  • Rifkin, Joshua: “Musste Josquin Josquin werden? Zum Problem des Frühwerks,” Archiv für Musikwissenschaft  74/3. (2017), 162-84
  • Rifkin, Joshua: “Milan, Motet Cycles, Josquin: Further Thoughts on a Familiar Topic,” in Motet Cycles between Devotion and Liturgy, ed. Daniele V. Filippi and Agnese Pavanello (Schwabe, 2019), 221-338. 
  • Rodin, Jesse: “Josquin and Epistemology”, in Cambridge History of Fifteenth-Century Music, ed. Anna Maria Busse Berger and Jesse Rodin (Cambridge 2015), 119-36

Den Preis für den originellsten Titel eines Fachartikels hat auf jeden Fall Herbert Kellman verdient: “Dad and Granddad Were Cops: Josquin’s Ancestry,” erschienen in Uno gentile et subtile ingenio: Studies in Renaissance Music in Honour of Bonnie J. Blackburn, herausgegeben von M. Jennifer Bloxam and Gioia Filocamo (Brepols, 2009), 183-200.