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Vor rund 500 Jahren, am 27. August 1521 starb Josquin Desprez. Das ist einer der wenigen gesicherten Daten im Leben des bekanntesten Komponisten des 15. und 16. Jahrhunderts, der Umbruchzeit vom Mittelalter zur Neuzeit.

P. van Opmeer: Opus Chronographicvm,
Antwerpen 1611, S. 440
Quelle: Österreichische Nationalbibliothek, (A.001)

Diese Phase, aber vor allem die Jahre von 1450 bis 1550 zählen für mich zu den faszinierendsten Jahren der Geschichte. In diese Zeit fällt die Erfindung des Buchdrucks (Gutenberg, um 1450), die Entdeckung Amerikas (Christopher Kolumbus, 1492) die Reformation (Martin Luther, 1517) und schließlich die kopernikanische Wende (ab 1543, Nikolaus Kopernikus). Alle genannten Ereignisse haben die Welt bis heute nachhaltig verändert.

Nachhaltig verändert hat sich in dieser Phase auch die Verbreitung der Musik durch die Erfindung des Notendrucks. Erstmals bildet sich ein „Werkverständnis“ heraus (im Unterschied zur Anonymität des Mittelalters). Die Mehrstimmigkeit (Polyphonie) erfährt ihren ersten künstlerischen Höhepunkt und den Weg aus dem geistlichen Umfeld. 

Hauptprotagonist dieser Epoche ist Josquin Desprez. Er ist der erste Komponist in der Musikgeschichte, dem mit den „Misse Josquin“, von Ottaviano Petrucci (Venedig 1502) exklusiv ein Musikdruck gewidmet wurde. Seine Werke befanden sich bereits im ersten Musikdruck (mit beweglichen Metalltypen) überhaupt: Harmonice Musices Odhecaton A“ (erschienen am 15. Mai 1501).

Persönliche Dokumente über Josquin sind rar. Die Motette Illibata dei virgo ist eine der wenigen Ausnahmen. Sie ist nicht nur ein wundervolles Werk, sondern auch die musikalische Visitenkarte Josquins:

Josquin Desprez: Illibata dei virgo (Auszug Superius),
Quelle: Ottaviano Petrucci: Motetti a cinque Libro primo (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Mus.pr. 168) (A.002)

Die Anfangsbuchstaben der einzelnen Zeilen des Motettentextes bilden – von oben nach unten gelesen – den Namen des Komponisten (IOSQVIN D PREZ). In der Abbildung fehlen Textzeilen, da der Bassus zu dieser Zeit pausiert:

Illibata Dei virgo nutrix,
Olympi tu regis o genitrix,
Sola parens Verbi puerpera,
Q
ue fuisti Evae reparatrix,
Viri nefas tuta mediatrix,
Illud clara luce dat scriptura.
Nata nati alma genitura.
Des, ut laeta musorum factura
Praeveleat hymnus, et sit ave,
Roborando sonos ut guttura
Efflagitent, laude teque pura
Zelotica arte clamet ave.

Die Motette Illibata dei virgo zählt zu rund 330 Werken, die in den Quellen des 15. und 16. Jahrhunderts mindestens einmal Josquin Desprez zugeschrieben wurden. Diese Werke sind in etwa 450 Handschriften und 150 Drucken überliefert. Der überwiegende Teil der Überlieferung beginnt nach Josquins Tod und hier setzt auch die Kontroverse in der Musikwissenschaft ein. Während für die Motette Illibata dei virgo keine Ansätze existieren, die Autorschaft Josquins in Frage zu stellen, sieht es für viele der 330 überlieferten Werke anders aus. Die Anzahl der Josquin zugeschriebenen Kompositionen hat sich in den letzten Jahrzehnten signifikant reduziert: Die Herausgeber der New Josquin Edition vermuten vor allem auf der Grundlage von Quellenstudien, dass über ein Drittel der Werke nicht von Josquin Desprez komponiert wurden. Die Autorschaft Josquins von über 40 weiteren Werken wurden als “zweifelhaft” klassifziert.

Ansatz

Josquin hat sich des modernsten Mediums seiner Zeit bedient und ist dadurch zum bekanntesten und meistrezipierten Komponisten der Renaissance geworden, während die Josquin-Forschung bis heute – mit einigen Ausnahmen (z. B. https://www.josqu.in) – weiterhin im über 500 Jahre alten Medium des Drucks stattfindet, das Josquin berühmt gemacht hat.

Monographische Webseiten über Komponisten der Renaissance sind rar. Diese bieten aber gerade die Möglichkeit, auf aktuelle Forschungsergebnisse zu verweisen, auf Quellen zu verlinken und ein Diskussionsforum zu bieten.

Zudem richtet sich die Forschung zur Renaissancemusik überwiegend an Kenner der Materie. Für interessierte Laien ist es schwieriger, Zugang zur Musik zu finden. Die Texte sind lateinisch oder französisch, die (Mensural-)Notation weicht von der heutigen Notation ab, statt der heutigen Dur-/Moll-Tonalität basieren die Werke auf Kirchentonarten und die Quellenlage und die damit verbundenen Abkürzungen sind nicht nur auf den ersten Blick verwirrend.

Hier setzt meine Website an. Ziel ist es: 

  1. Das Werk Josquins einem breiteren Publikum verfügbar und zugänglich zu machen, z. B. über ein Werk- und Quellenverzeichnis und eine Diskographie,
  2. Die Diskussion über die Authentizität der Werke auf einer Plattform zu ermöglichen und Kriterien zu entwickeln, die auch Nicht-Spezialisten eine Bewertung des Authentizitätsgrades ermöglicht.
  3. Auch interessierten Forschern eine Plattform für die Diskussion zur Verfügung zu stellen und so aktuelle Kontroversen gleichsam Fachpublikum und Laien zu präsentieren.

Für einen ersten Einstieg überhaupt empfehle ich die persönlichen Hörempfehlungen von Alex Ross. Diese sind eine Beigabe zu seinem sehr guten Artikel im Magazin The New Yorker und finden sich hier: Alex Ross – A Listening Guide to Josquin Desprez. Ross hat die Aufnahmen von “Cut Circle” unter der Leitung vom Josquin-Forscher Jesse Rodin direkt auf der Website verlinkt.